Interview mit Johannes Naber, Autor und Regisseur

Was ist das Thema des Films? Wie sind Sie darauf gekommen?
Das erste Thema ist illegale Immigration. Das zweite Thema, das Land Albanien, seine Menschen und seine Kultur, kam erst später dazu. Ich wollte eine Geschichte über Illegale erzählen. Warum kommen die zu uns nach Deutschland? Was treibt sie an? Wie müssen sie hier leben? Nach seriösen Schätzungen leben im Moment über eine Million Illegale in Deutschland, also Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus. Eine Million Menschen, die arbeiten, essen, leben und sterben, ohne von irgendeiner Statistik erfasst zu werden oder irgendwo registriert zu sein. Und das im überregulierten Deutschland! Diese Menschen unternehmen große Anstrengungen, von uns nicht wahrgenommen zu werden. Und es ist auch so: Niemand nimmt sie wahr. Höchste Zeit also, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

Ist das nicht eher ein Thema für einen Dokumentarfilm?
Ich komme ja vom Dokumentarfilm, daher lag es nahe, an das Thema dokumentarisch heranzugehen. Aber zwei Sachen wurden mir schnell klar: Es ist sehr schwer, Illegale vor die Kamera zu bekommen, sie riskieren zu viel dabei. Und wenn man sie wirklich verstehen will, muss man zeigen, wie und warum sie von zu Hause weggehen. Das ist fast unmöglich. Man kann natürlich dokumentarisch faken, wie es zum Beispiel Michael Winterbottom gemacht hat. Aber das ist nicht mein Stil. Also habe ich mich entschlossen, ein fiktionales Buch zu schreiben, auf der Grundlage von dokumentarischen Recherchen.

Warum Albanien?
Albanien schien mir am Anfang interessant wegen seiner Nähe zu Europa und wegen seiner absurden Geschichte. Das Land hat sich ja nach langen Jahren vom paranoiden Steinzeit-Stalinismus zu einer turbokapitalistischen Mediengesellschaft entwickelt. Eine enorme Fallhöhe. 2001 bin ich zum ersten Mal hingereist. Mit einem Kleinbus und einer Videokamera. Die Mischung aus Archaik und Moderne, der ehrbedingte Stolz und die unbedingte Gastfreundschaft, die ich fand, haben mich sehr beeindruckt. Die Vorurteile, die in Mitteleuropa über dieses Land herrschen, sind so falsch, dass schnell ein weiterer Grund für diesen Film hinzukam: Albanien in den Fokus zu rücken. Das Land braucht eine Chance in Europa, und dazu müssen eine Menge Klischees überwunden werden.

Bedient der Film nicht aber gerade diese Klischees vom kriminellen Albaner?
Vielleicht auf den allerersten Blick. Aber erzählt der Film nicht vor allem, warum einem Illegalen in Schengen-Europa gar keine Wahl bleibt, als illegal zu handeln? Und dass es kein Mentalitätsproblem, sondern ein systematisches Problem ist, das uns alle angehen muss?

Wie war ihre Zusammenarbeit mit dem Hauptdarsteller Nik Xhelilaj? Wie haben Sie ihn gefunden?
Es gibt in Albanien und im Kosovo keine Agenturen oder Casting-Dateien. Casting bedeutet dort immer, ganz von Vorne anzufangen, erstmal ein Massencasting zu veranstalten. Jeder macht das so in Albanien. Die Dardenne- Brüder haben es für „Lornas Schweigen“ zwei Jahre zuvor so gemacht, ich habe wieder bei Null angefangen. Ein absurder Zeitaufwand, auch für die Schauspieler. Ja, und irgendwann kam Nik ins Casting und es war sofort alles klar. Er hat alle an die Wand gespielt, mit links. So einfach. Es gibt in diesem Film keine Szene ohne Nik. Die Charakterentwicklung von Arben, seiner Rolle, ist immens. Sie trägt die Erzählung. Ich habe Nik geholfen, die Figur zu finden, aber am Ende hat er sie – aufbauend auf dem Drehbuch – selbst definiert. So was geht nur mit einem Ausnahmetalent, wie er es ist. Er konnte auch kein Wort Deutsch vorher. Er hat ein paar Brocken gelernt und dann damit improvisiert. Ich habe ihm Worte dazugegeben oder weggenommen, je nach Szene und wie gut Arben schon deutsch können mußte.

Key Facts

Redaktion:
SWR, Stefanie Groß
Redaktion Debüt im Dritten und Ersten
SWR Presse, Annette Gilcher
Tel: + 49 (0)7221 - 9294016
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ARTE, Georg Steinert
Redaktion Spiel- und Fernsehfilm (Straßburg)
ARTE Presse Spiel- und Fernsehfilm, S. Krisch
Tel: + 33 (3) - 88142152
Email: stefanie.krisch@arte.tv

Förderung:
Medienboard Berlin-Brandenburg
Deutscher FilmFörderFonds
NCC (Albanian National Center of Cinematography)

Weltvertrieb:

Aktis Film International

Tel: +49 341 3500 2610
www.aktis-film.com

Produktion:
Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH
Produzent: Boris Schönfelder
Tel: + 49 (0)30 - 34391021
Email: info@neueschoenhauser.de

Co-Produktion:
On Film Production, Dritan Huqi
Tirana - Albania
Tel: + 355 42 223 830



Buchentwicklung: April 2001 – Juni 2009

Casting Albanien: September – Dezember 2008
Casting Deutschland: Februar – Juli 2009

Dreharbeiten:
1.9. - 12.9.2009 Bajram Curri, Albanien
13.11. - 08.11.2009 Berlin, Deutschland
15.12. - 20.12.2009 Tirana & Bajram Curri, Albanien

Drehtage: 32

Länge: 104 min

Drehformat: Super 16 mm

Bildformat:
1:1.85

Tonformat:
Dolby Digital 5.1

Projektionsformat:
35 mm

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